Lyrik von Maria Holschuh

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Das US Oberkommando hat sich in Heidelberg niedergelassen. Das Stadtbild ist von zahlreichen Uniformen gekennzeichnet. Die Bevölkerung gewöhnt sich an das viele Militär, die Militärpolizei ist allgegenwärtig und gefürchtet. Trotzdem gibt es schon einige Mädchen, die Freundschaften knüpfen mit den Soldaten. Das hat so manchen Vorteil. Sie verfügen bald über viele Kostbarkeiten wie Nylonstrümpfe, Kaffee, Zigaretten oder Schokolade, alles Dinge, davon andere nur träumen können. Außerdem sind diese Sachen als Tauschobjekte sehr beliebt. Zur Zeit wird ja alles getauscht, was nur entbehrlich ist. Die Lebensmittelzuteilungen sind so gering, daß die Menschen fast gezwungen sind, durch Tausch ihre Ernährung zu verbessern. Auch mein Schwiegervater macht so manche Fahrt in den Odenwald zu seiner Verwandtschaft und tauscht Schuhe, Sandalen oder Arbeitsstiefel aus seinem Geschäft gegen Mehl, Eier oder ein bißchen Speck. Davon bekomme ich glücklicherweise auch so manches ab, denn ich habe nichts mehr zu tauschen. Nach langem Hin und Her bekommen wir eine kleine Wohnung in der Altstadt. Auf Bezugschein stehen uns 1 Tisch, 4 Stühle, 2 Regale, 2 Betten und 1 Kinderbett zu. Die Möbel scheinen aus geheizten Kistenbrettern zu sein, die Matratzen sind mit Holzwolle gefüllt. Wahrlich kein Vergnügen da zu hausen, aber wir sind hart im Nehmen geworden. Einen Küchenherd gibt es auch nicht. Ein undefinierbares Ding von Eisenöfchen ist unsere Kochstelle. Zu brennen haben wir natürlich auch nichts. Mittags wandere ich mit Wolfgang an der Hand in den Wald am Fuße des Königstuhls, und wir suchen Reisig um uns unser Süppchen zu kochen. In diesen Wald müssen wir noch oft zum Bucheckersammeln. Ein Säckchen Bucheckern bedeutet ½ l Öl. Ganz lahm vom Bücken fallen wir abends auf unser Lager. Wilhelm ist meist nicht da. Er reist von einer Rundfunksendung zur anderen, alles Live-Sendungen, in Köln, Stuttgart, Baden-Baden u.s.w. Die Theater spielen noch nicht, die Musikhochschulen sind noch nicht in Gang gekommen. Weihnachten 1945 nähert sich. In den Heidelberger Kirchen gibt es schöne Adventsmusik und Wilhelm ist natürlich dabei. Das Christkind bringt für Wolfgang ein selbstgeschnitztes Schaukelpferd (der Großvater ist sehr geschickt in solchen Dingen). Der kleine Reiter poltert glücklich durch die ganze Wohnung. Nur gut, daß in der Wohnung unter uns 3 Kinder mit ihren Eltern sind, die Verständnis haben.

Im kommenden Frühjahr bekommen wir eine bessere Wohnung in Heidelberg-Neuenheim, ganz nahe der Christuskirche und in der gleichen Straße wie die Schwiegereltern. Wenn wir auch nicht mehr das Schloß vor Augen haben, so ist es doch dort wesentlich freundlicher, nicht weit zum Philosophenweg, den wir öfters besteigen. Dort liegt uns die Stadt zu Füßen, ganz unversehrt, kaum zu glauben, bei all den Trümmern überall.

In unserer Straße haben die Amis eine Bäckerei. Es duftet nach Brot und Kuchen. Ganze Trauben von Kindern hängen an den Autos, die das Brot und die Backwaren abholen. Ab und zu fällt mal ein Brot herunter oder ein mitleidiger Soldat läßt ein paar Brötchen fallen. Eines morgens steht ein unbewachter Brotkorb auf dem Bürgersteig. Nachbars Hansel kann es nicht lassen und beißt einfach ein Brot an. Er darf es dann mitnehmen. – Doch nicht alle Amis sind menschenfreundlich. An einem Abend im Sommer ist der Schwiegervater unterwegs in der Stadt. 3 Soldaten sprechen ihn an um Feuer. Er kramt in seinen Taschen nach seinem Feuerzeug, da schlagen sie ihn einfach nieder und lassen ihn liegen. Als die MP auftaucht haben sie sich dünngemacht. – Wir sind halt die Verlierer. – Vom Schicksal gebeutelt ist auch Prof. S. R. von der Universitätsklinik Breslau. Eines Tages steht er im Geschäft der Schwiegereltern. Er hat Wilhlems Namen an einer Plakatsäule gelesen und sich durchgefragt. Er sucht eine Stelle an einer Klinik. In Heidelberg war nichts und nun will er nach Heilbronn, doch er hat weder Geld noch Sprit. Schwiegervater weiß Rat und ergattert 2o l Benzin und wir wünschen dem Besucher Glück und winken ihm nach. – Immer wieder taucht jemand auf, der uns von früher kennt und nach einer Bleibe sucht. Ganz unvermutet stehen wir auch meinem jüngeren Bruder gegenüber. Er war Feldunterarzt in einem Lazarett in Tschechien, wurde bei Kriegsende gefangen und entkam mit 3 Kameraden, ist von Prag bis Heidelberg zu Fuß gegangen, nur bei Nacht natürlich. Am Tage mußte er sich meist in Heuhaufen verstecken. Mitleidige Bauern bewahrten ihn vor dem Hungertod. Nun also ist er hier angekommen. Wir müssen ihn zunächst medizinisch versorgen lassen. Dann müssen wir wieder eine Tauschaktion starten, damit er zu Kräften kommt. Dann endlich können wir ihn über die Zonengrenze, die längs des Rheins verläuft, hinüberschicken in die französische Zone. Er will nach Hause

Auch mir läßt es keine Ruhe. Ich müßte doch einmal nachschauen, wie es in der Heimat aussieht, und was mit Mutter geschehen ist. Trotz vieler Warnungen fahren wir mit dem Motorrad los in die Pfalz. Niedergeschlagen stehen wir vor den Trümmern des Elternhauses und Mutter finden wir bei Bekannten in 2 Mansarden unterm Dach. Ziemlich ratlos klettern wir auf dem Steinhaufen herum, der uns einmal so viel bedeutet hat, um vielleicht noch etwas zu finden. Aber nichts! "Laß alle Hoffnung fahren" kommt mir in den Sinn, und wir kehren mit zwiespältigen Gefühlen nach Heidelberg zurück.

Als wir es gar nicht mehr zu glauben wagen, kommt jedoch die Wende für uns. Wilhelm spielt mal wieder das Abendkonzert im SW Funk, da erreicht ihn dort ein Anruf aus Saarbrücken. Sein ehemaliger Chef, G.M.D.W. hat ihn gehört und lädt ihn ein nach Saarbrücken zu kommen, sich alles anzusehen, und wenn er will, einen Vertrag abzuschließen. Wilhelm fährt sofort hin und macht alles klar. Es ist der 1. Schritt, wie wir meinen, daß es aufwärts geht. Es ist ein Haufen Papierkrieg zu erledigen, und im April 1947 ist es so weit, die Spielzeit beginnt.

Schon wieder gibt es Hindernisse. Das Kind und ich bekommen keine Einreise ins Saargebiet und keinen Zuzug nach Saarbrücken. Nun beginnt für mich ein Papierkrieg. Ich muß nach Frankfurt aufs amerikanische Konsulat Formulare ausfüllen und immer wieder Formulare, natürlich in Englisch. Das erschwert das Ganze noch erheblich. Aber es kommt keine Einreiseerlaubnis und kein Zuzug. Ein ganzes Jahr ist schon vergangen. Im Sommer 1948 ist es Wilhelm dann zu dumm, und er fädelt eine illegale Einreisemöglichkeit ein. In Homburg, wo der Grenzübergang ist, wohnt Mutters Schwester und ihr Mann, Onkel Otto. Eine Hausnummer weiter logiert ein französischer Zöllner. Er hat einen kleinen Hund, und weil Onkel Otto so ein Hundefreund ist, begegnen sich die Herren öfters und sprechen auch miteinander. Mit der Zeit könnte man das eine gute Bekanntschaft nennen. Dieser Zöllner wird also für unseren Plan gewonnen. Zu einer bestimmten Zeit, an einem festgelegten Tag soll ich, von Kaiserslautern kommend, mit dem Personenzug in Homburg eintreffen. Das weitere wird dann der Zöllner übernehmen. Ich komme also mit Wolfgang an der Hand in Homburg an. Der Zug spuckt eine Menge Passagiere aus. Ich stehe auf dem Bahnsteig, ohne Pass und ohne Visum. Die Reisenden eilen alle in die große Halle, wo das Gepäck visitiert und die Pässe kontrolliert werden. Die Knie sind mir schon ein bißchen weich geworden. Was nun? Da kommt doch eine französische Uniform auf mich zu, nimmt mich am Arm und zieht mich samt Wolfgang durch die Halle. Die Leute schauen alle auf. "Da haben sie mal wieder jemand verhaftet", kann man in ihren Gesichtern lesen. Niemand sagt ein Wort. Doch vor dem Absperrgitter sehe ich Onkel und Tante stehen. Ich bekomme wieder Luft und mit einem sanften Schubs bin ich über der Grenze. Wilhelm holt uns natürlich ab und wir ziehen in Saarbrücken ein. Auf dem Nußberg haben wir eine hübsche kleine Wohnung mit "anständigen" Möbeln, und die Hausleute sind "super". Alles läßt sich gut an. Ich kann wieder ins Theater gehen. Die Töchter des Hauses haben ein Auge auf Wolfgang. Ich fange auch wieder an zu singen, ein Flügel ist auch schon da.

Es ist vielleicht ein Vierteljahr vergangen, da klingelt es an der Haustür. 2 Herren von der Sûreté stehen draußen, wünschen Wilhelm zu sprechen. Nachdem ich erklärt habe, daß er im Dienst ist, übergeben sie mir einen großen Briefumschlag für ihn, darin sei die Zuzugsgenehmigung und die Einreise für seine Frau. Ich sage kurz und bündig: "Ich werde es ihm ausrichten". Das war wieder einmal knapp, denke ich und muß schlucken.

Mit Hilfe des Zöllners muß ich nun wieder hinaus aus dem Land und offiziell einreisen. Endlich habe ich dann die vorgeschriebenen Stempel im Paß. Da ich aber nun sozusagen aus Deutschland ausgewandert bin, bekomme ich einen französischen Paß für das Saargebiet.

Es geht uns gut, man kann kaufen, was man will. Die Geschäfte sind voll. Wolfgang geht in den Kindergarten und freut sich mit den Kindern. Wilhelm hat auch schon wieder zahlreiche "Fans". Ich mache mich derweil in einem respektablen Kirchenchor nützlich und bald übernehme ich die Solopartien. Wolfgang sitzt inzwischen auf der Orgelbank beim Organisten und schaut begeistert zu, wie das geht mit Händen und Füßen. Daheim versucht er auf Tischen und Bänken alles nachzuahmen und singt dazu: "Fuchs, du hast die Gans gestohlen".

Im Sommer 195o machen wir dann eine Frankreichreise. Elsaß, Franz. Jura zum Lac d‘ Annecy und zum Mont Blanc geht unsere Fahrt. Am See lassen wir uns für eine Weile nieder und schaffen es dann noch bis Grenoble. Dann kehren wir um. Durch die Schweiz kehren wir wieder zurück. Es sind ganz neue Eindrücke, die ich aufnehme, so viel Schönheit!

Die Zeit geht weiter, Wolfgang geht jetzt zur Schule. Es ist ein weiter Weg hinunter in die Stadt, und ich habe deshalb so meine Sorgen. Es dauert öfter etwas lange bis er wieder zurückkommt, muß er doch unterwegs alle Katzen streicheln, und im "Birkenwäldchen" die Vogelnester besichtigen.

Wir schreiben 1956. Wilhelm hat seinen 4o. Geburtstag gefeiert und bald können wir in unser eigenes Haus, ein Reihenhaus, einziehen. Wir sind immer noch recht zuversichtlich, aber insgeheim mache ich mir Sorgen. Wilhelm stolpert so oft und sagt, er habe das Gefühl, der linke Fuß sei eingeschlafen, also taub. Wir suchen alle möglichen Ärzte auf, aber es kommt nichts genaues heraus. Ich habe das Gefühl, ein Damokles-Schwert schwebe über uns. Ein Spezialist in München endlich schafft Klarheit. Er überläßt es aber meinem ärztlichen Bruder uns aufzuklären. Nun ist der seidene Faden also gerissen, das Schwert ist auf uns niedergesaust. Multiple Sklerose heißt die Diagnose. Wilhelm bäumt sich auf. Er muß den Dienst quittieren und kann es nicht fassen. Kein Trost erreicht ihn. Er geht den Weg des Leidens, zuerst am Stock, und dann im Rollstuhl, und ich und der Sohn gehen mit.

1957 wird das Saargebiet nach einer Volksabstimmung zum 1o. deutschen Bundesland. Das Saarland ist geboren. Nach 2 Jahren Übergangszeit fallen auch die Zollschranken. Wir sind nun Bundesbürger.