Lyrik von Maria Holschuh

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Ein hundertstimmiges Vogelkonzert weckt uns im März 1966 aus dem Schlaf. Wir sind umgezogen nach Riegelsberg, ganz nahe am Wald ist unser neues Zuhause. Die Bäume schauen zu unseren Fenstern herein. Es ist wunderschön so nahe an der Natur die Jahreszeiten zu erleben, die Knospen und Blüten im Frühjahr, üppiges Laub im Sommer. Der Herbstwind fegt die Bäume wieder leer und der Wald scheint im Winter zu sterben, nicht ohne noch vorher seine Früchte ausgestreut zu haben.

In diesem Sommer sitzt Wilhelm im Rollstuhl auf der Terrasse, ein Kind auf dem Schoß. Unser erster Enkelsohn ist geboren. Die junge Familie teilt mit uns das Haus. Unsere ganze Zuneigung gehört dem Kind und seinen Eltern. Wir erleben gemeinsam frohe Tage und Tage der Krankheit. Opa hat immer Zeit, und so dauert es gar nicht lange und der kleine Bursche klettert auf allen Vieren die Treppe herauf zu ihm. Weihnachten 197o wird die Familie größer, ein 2. Enkelsohn hat sich zugesellt. Jetzt wird es natürlich turbulenter. Aber mit vereinten Kräften schaffen wir auch diese Bereicherung. Jetzt sitzen 2 Kinder abwechselnd auf Opas Schoß. Mit Engelsgeduld beantwortet er tausend Fragen und liest Geschichten vor. Ich selber bin mehr für’s Basteln zuständig. Wir schnippeln gemeinsam aus Papier Märchenfiguren und bauen Häuser aus Pappkarton. 1972 gesellt sich noch ein kleines Mädchen zur Familie. Sobald sie aus dem Gröbsten ist, wacht sie genau darüber, was geschieht und duldet keinerlei Benachteiligung. Also brechen wir ganz vollzählig zu allen möglichen Unternehmungen auf. Tierparks sind bevorzugte Ausflugsziele. Solange Wilhelm noch ins Auto gehievt werden kann, fährt er uns überall hin, wo es was zu erleben gibt. Alle Beteiligten kehren abends müde aber glücklich zurück.

So bin ich nicht nur Großmutter sondern auch Krankenschwester geworden. Vergessen ist das Konzertpodium, doch die Liebe zur Musik ist geblieben. Allen 3 Kindern bringe ich das Klavierspiel bei. Wilhelms Krankheit nimmt schleichend zu und ich bin Tag und Nacht in Spannung. Es verknüpfen sich Schweres mit fröhlichen Stunden. Der Sommer kommt und geht jedes Jahr. Aus den kleinen Enkeln sind Schüler geworden, und eines Tages fliegen sie nacheinander aus ins Berufsleben.

Wilhelms Leiden nehmen zu, Herzinfarkt, Schlaganfall und viele Schmerzen mehr. Er bleibt aber immer der Mittelpunkt der Familie und nimmt geduldig teil an allen Ereignissen.

1989 können wir noch unsere Goldene Hochzeit feiern. Alle Kinder und Enkel sind gekommen. Es ist ein wunderschönes Familientreffen geworden. Wilhelms Augen strahlen vor innerer Freude. Dann kommt das letzte gemeinsame Fest, sein 8o. Geburtstag. Wieder haben sich alle eingefunden, sogar ein Urenkelchen ist schon dabei. Als ein Tag der Harmonie bleibt er in Erinnerung.

Doch die Krankheit greift unbarmherzig um sich, und alle Zuversicht schwindet. Noch knapp 2 Jahre leidet er still und klaglos. Aus dem Radio klingen leise und verhalten die 4 letzten Lieder von Richard Strauß, die er sehr geliebt: "Beim Schlafengehen" singt die Stimme und da schläft auch er hinüber.

Am Grab sagt mir ein ehemaliger Kollege: "Er war ein großer Musiker". Das trifft mich mitten ins Herz.