Lyrik von Maria Holschuh

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Vorwort

Januar 1945. Wie viele Millionen, muß auch ich mich mit meiner Familie, meinem Ehemann Wilhelm und meinem Sohn Wolfgang, auf den Weg von Ost nach Westen machen. Der Geschützlärm ist bereits zu hören, so bleibt uns keine Zeit zur Klage. Wir werden vor dem Feind hergetrieben, zwischen den Fronten durchgepreßt, bis wir nach langer Irrfahrt den Rhein erreichen.

24. Januar 1945. Klein Wolfgang hat heute Geburtstag, den ersten. Er ist fröhlich, steht in seinem Gitterbettchen und quakt begeistert. Ein hölzernes Pferdchen auf Rädern und ein Lätzchen, eine Ente draufgestickt, liegen in den Kissen. Der Patenonkel kommt heute zum Essen, drum muß ich in die Küche, seine Familie ist ins Riesengebirge zur Großmutter gefahren. Die Nachrichten sind schlecht. Wer weiß, was die nächsten Tage bringen werden. Da ist man auf dem Lande sicherer als in der großen Stadt Breslau. In der Ferne dröhnt es wie Donnergrollen. Ich bin besorgt, was hat das zu bedeuten? Wenn die Front nicht hält, Tschenstochau fällt, dann ist es aus für uns.

Wir sitzen am Tisch, Wilhelm, der Patenonkel Kurt und ich. Was war denn das nun? Ein Lautsprecherwagen! Was sagt man da? Alle Frauen und Kinder sollen sofort die Stadt in südlicher und westlicher Richtung verlassen. - Nun ist es soweit. Fort, was heißt das? Onkel Kurt verabschiedet sich schnell um in seine Apotheke zu eilen. (Wir haben ihn nie wieder gesehen).

Das Luftschutzköfferchen steht bereits in der Diele. Wilhelm packt das Kinderwägelchen und trägt es die 4 Etagen hinunter auf die Straße. Ich fülle schnell einen Rucksack mit Windeln und Kinderkleidung, stopfe noch 2 Dosen Trockenmilch hinein und los geht es, 2 Mäntel übereinander, dicke Socken über den Schuhen, daß man nicht rutscht auf den vereisten Wegen und halt, noch Wilhelms Flöte und schon klickt die Wohnungstür zu. Das Geschirr steht noch auf dem Tisch....

Das Wägelchen rollt kaum. Immer wieder bleibt es im Schnee stecken. Aber wir zerren es abwechselnd die ersten 15 km unserer Reise bis zu unseren Freunden auf dem Gut Zweibrodt. Unterwegs begegnen uns viele Frauen, einen Rodelschlitten ziehend, darauf eine Zinkwanne 2 oder 3 Kinder darin sitzend, mit einem Federbett zugedeckt. Sie wissen nicht wohin, hoffen auf irgendeine Unterkunft.

Auf dem Gut ist man sehr bedrückt, alle hängen am Radio, auf Hilfe und Anweisung wartend. Der Verwalter geht zu einer Versammlung des Volkssturmes, das sind die letzten Reste der Verteidigung und bringt Nachrichten. Noch ein paar Tage haben wir Frist um die Entwicklung der Lage abzuwarten. Doch am 27. Januar 1945 ist es soweit.

Tag und Nacht, seit wir hier sind, hört man das Knarren und Knirschen der Ackerwagen, die schon aufgebrochen sind aus den Orten östlich der Oder. Junge Frauen mit Kindern und die Alten und Kranken sind die Passagiere. Endlos scheint der Zug der Wagen. Die Pferde stemmen sich mühsam durch Schnee und Eis. Viele bleiben vor Erschöpfung liegen. Kreuzverschlag nennt man das. Sie können nicht mehr aufstehen.

Auf dem Gut geht es inzwischen hektisch zu. Da der Baron, gewissermaßen unser Gastgeber, im Krieg ist, übernimmt der Verwalter das Kommando. Das Vieh in den Ställen wird losgebunden, Pferde und Fohlen freigelassen und Futter für alle überall im Freien aufgetürmt. Aus der Remise rollt ein Traktor, ein offener Anhänger wird angekoppelt. Ein Landauer wird angespannt, des Barons Reitpferd hinten angebunden, dann schiebt man noch einen Heuwagen heraus, ebenfalls 2 Pferde eingespannt. Wilhelm wird zum Treckführer ernannt, bekommt ein behördliches Papier mit Stempel für alle Fälle. Er kutschiert dann auch den Landauer, der Heuwagen wird von einem Russen (einem Kriegsgefangenen) gelenkt, und auf dem Traktor nehmen Jakob und Fedor platz. Es sind 2 polnische Landarbeiter, die schon in Friedenszeiten auf dem Gut Arbeit hatten. Auf dem Anhänger sind Bretter befestigt worden, die uns als Sitze dienen sollen.

Wir sind 12 Frauen, 22 Kinder und die alten Eltern der Baronin. Die hatten von Berlin kommend bei ihrer Tochter Zuflucht gesucht. Nun müssen sie mit. Der alte Herr will sich erschießen. Er war in jüngeren Jahren ein hoher Offizier und versteht die Welt nicht mehr. Frau und Tochter gelingt es ihn zu beruhigen und er klettert endlich auf den Wagen. Die Waffe bekommt Wilhelm zur Verteidigung. Der Verwalter besieht sich die Fuhren und schüttelt den Kopf, " niemals werden sie ankommen" meint er. Nun aber los, es hilft nichts mehr! Wir rollen auf die Straße, die uns lange Zeit Richtung weisen wird, begleitet vom eintönigen "te...te...te..." des Traktors. Oh Gott, 1ooo km vor uns und eine Geschwindigkeit von 1o km pro Stunde! Trostlos baumeln von einem gespannten Seil eine Reihe toter Hühner, die man in der Eile noch eingefangen und geschlachtet hatte. In der Kälte würden sie sich ja halten.

Der Abend senkt sich langsam nieder. Das Herz hat keine Zeit für Trauer. Die Kinder sind müde und hungrig. Wir wollen noch Schondorf erreichen, wo die Baronin bei Freunden, ebenfalls Gutsbesitzern, unterzukommen hofft. Die Pferdefuhren haben wir aus den Augen verloren. Sie sind schneller und sind unsere Vorhut. Völlig durchgerüttelt erreichen wir endlich das Gut. Wir hören gleich, daß schon 4oo Flüchtlinge hier sind und sich gelagert haben. Das Herz schnürt sich zusammen aus Angst vor einer Zurückweisung. Doch der Hausherr empfängt uns freundlich, stellt uns seine privaten Räume zur Verfügung und so kommt es, daß wir in den Wohnräumen des Prinzen S.K. unser Nachtlager aufschlagen. Klein Wolfgang hat unter dem Schreibtisch des Prinzen sein Bettchen. Dort wird ihn im Gedränge niemand treten. Alle sind satt geworden. Man spart nicht mit Milch und Brot, rechnet man ja auch hier mit einem Aufbruch. Wir ruhen also in fürstlichen Gemächern, nur Wilhelm schläft bei den Pferden, die in der Zuckerfabrik untergestellt sind. Er legt seine Papiere unter den Kopf und seine Stiefel neben sich. Als die Sonne aufgeht sind die Stiefel weg. Wilhelm rennt auf Strümpfen durch den Schnee auf der Suche nach seinen Stiefeln. Aber vergebens, sie sind fort. Die Kleiderkammer des Fürsten hat zum Glück Ersatz und freudestrahlend schlüpft Wilhelm in die Jagdstiefel seines neuen Freundes, die ihn dann auf der ganzen Reise begleiten werden. Zum Abschied bittet der Hausherr noch um einen Eintrag ins Gästebuch zum Andenken an die denkwürdige Begegnung und Wilhelm schreibt:

Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen,

Sei nicht in Leid darüber, es ist nichts;

Und hast du einer Welt Besitz gewonnen,

Sei nicht in Freud darüber, es ist nichts.

Vorüber gehen die Schmerzen und die Wonnen.

Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.

Anvari Soheili

 

Auf, auf, es geht weiter! Aufsteigen! Alle drängen sich um die Fahrzeuge, bald ist alles komplett und bald hat uns das eintönige "te-te-te-" des Traktors in bleierne Gleichgültigkeit gewiegt. Wir lassen Bunzlau hinter uns, das Ortsschild Muskau bleibt zurück. Ich denke, daß wir wohl niemals irgendwo ankommen würden. Da weckt mich das jämmerliche Wimmern von Wölfchen. Das Köpfchen ist rot und heiß. Fieber, oh Gott! Der Kleine stopft die Fäustchen in den Mund und beißt darauf herum und ich entdecke, das Zähnchen Nr. 3 ist zu fühlen, was tun? Nichts kann man tun. Unbarmherzig hämmert es: te - te - te- .Wir müssen noch Hoyerswerda erreichen. Da bietet sich ein Stützpunkt, so es der Himmel will. Es dämmert schon früh und noch immer schleichen wir über die Landstraße. Autobahn ist tabu. Nur Militär darf sie befahren. Unsere Armee ist inzwischen auf dem Rückzug. Endlose Kolonnen fliehen Richtung Berlin. Wir quälen uns über Stock und Sein, die Angst im Nacken. Wie weit noch bis Hoyerswerda? Wieder umfängt uns ein Wäldchen und man müßte die Lichter anzünden. Doch die Gefahr aus der Luft verbietet es. Also, im Halbdunkel weiter! Da, ein Schuß! Was war dann das? Und jetzt noch einer! Wir ducken uns, dann Ruhe. Der Angriff gilt Wilhelm und er schoß zurück. Heckenschützen! Auch das noch.

Endlich Hoyerswerda. Der Bürgermeister muß aufgesucht werden und der schickt uns in eine ungenutzte Fabrik. Da lassen wir uns nieder und versuchen uns wieder zu zivilisierten Menschen zu machen. Wir sehen aus wie die Räuber, schmutzig und zerzaust. Wölfchen bekommt eine Brotkruste um dem Zähnchen zum Durchbruch zu helfen. Wasser gibt es glücklicherweise auch, so daß das Fläschchen mit der Trockenmilch zubereitet werden kann. Nun sucht sich jeder einen Schlafplatz, kein Bett, kein Stroh, nackter Fußboden. Aber was soll es? Es wird noch mehr auf uns zukommen.

Kehrt, alles kehrt! Wir sind zu nördlich geraten. Also, die Straße nach Süden nehmen! Dresden müssen wir anpeilen!

Zuvor muß noch der Proviant für Mensch und Tier aufgefüllt werden und der Traktor braucht Sprit. Das dauert Stunden. Mittag ist schon vorbei und noch immer sitze ich auf dem Rucksack am Straßenrand, das Kind auf dem Arm. Im großen Leiterwagen liegt Iwan, der Russe. Er will nicht mehr weiter. "Iwan krank" sagt er, und " Mütterchen Rußland ich nicht mehr sehe". Wilhelm muß ihn aufmuntern und mit ein paar Schnäpsen gelingt es auch. Die Polen sind willig und fahren. Endlich sind wir wieder unterwegs, erreichen aber nur mehr Kamenz. Es ist Nacht. In einer Schule ohne Fensterscheiben werden wir einquartiert. Wir teilen diese Unterkunft mit gefangenen Franzosen. Wie diese in jene unwirtliche Gegend geraten sind, ist mir ein Rätsel. Aber, c`est la guerre, heißt es ja. Sie sind freundlich, das beruhigt uns, sind wir doch hilflose Flüchtlinge und so viele Männer! Halb erfroren schälen wir uns am nächsten Morgen aus unseren Decken. Schnell ein Becher "Muckefuck" und eine Scheibe Brot, dann setzt sich die Karawane wieder in Trab. In Radeberg bleiben wir hängen. Tausende wollen über die Elbe. Nichts geht mehr. Wir sitzen herum, die Pferde dürfen ausruhen. Ein neuer Versuch! Inzwischen ist es Anfang Februar geworden. Von schlimmen Fliegerangriffen auf Dresden berichten die Nachrichten im Radio. Trotzdem brechen wir auf, wir müssen über die Elbe, koste es, was es wolle. Gegen Mittag, am 15. Februar 1945 erreichen wir die Außenbezirke Dresdens. Großer Stau! Es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts. Plötzlich schreien zwei Jungen: "Flieger, Flieger" Ich schaue hinauf und sehe sie schon über uns. Ihre Bombenlast lassen sie schon fallen. Kein Alarm, die Sirenen sind seit dem Vortag kaputt. Die Menschen rennen um ihr Leben. Einige Gespanne vor uns sind schon getroffen und brennen. Ich springe mit Wolfgang auf dem Arm vom Wagen und renne auf ein paar Baracken zu. Soldaten kommen heraus und rufen: "Nicht hinein, das sind Mausefallen, im Freien ist mehr Sicherheit" Ich mache kehrt und stürze einem Menschenstrom nach. Ein Luftschutzbunker verschluckt uns. Der ganze Bunker bebt, und drinnen ist die Hölle los. Kinder haben die Eltern verloren, und Eltern suchen nach ihren Kindern, Verwundete schreien, dazwischen Ordnungsrufe von Sanitätern und Feuerwehr. Ich sitze ganz still und frage mich, ob ich noch lebe. Nach 2 Stunden etwa Entwarnung. Wer kann, kriecht ans Tageslicht und sucht im Rauch nach seiner Gruppe. Unser Traktor steht noch und wir sammeln uns auf dem Wagen. Keiner fehlt. Welch ein Glück! Wilhelm ist schon seit dem Vormittag nicht mehr zu sehen. Wo kann er nur sein? Getroffen, die Pferde tot? Ich weiß es nicht. - wir rollen durchs rauchende Dresden über die Elbe. Bald wird die Landschaft bergig und der Traktor schleppt uns mühsam bergauf und ab. Schließlich führt unser Sträßchen einen steilen Hang hinunter. Fedor und Jakob melden sich: "Es soll nicht heißen, daß die beiden Polen die Deutschen zu Tode gefahren hätten". Wir müssen alle aussteigen und zu Fuß hier hinunter. Also, alle absteigen! Was machen wir aber mit den Kindern? Tragen ist unmöglich. Da kommt die rettende Idee, wir breiten unsere Schlafdecken aus, legen die Kleinen drauf und ziehen das ganze "Gepäck" vorsichtig hinunter. Das war es. Gesagt, getan! In Döbeln ist wieder Rast. Wilhelm ist noch nicht aufgetaucht. Unsere Reise wird mit jedem Tag gefährlicher. Wir sind jetzt im Angriffsbereich der amerikanischen und englischen Flugzeuge. Ihre Tiefflieger beschießen jeden Einzelnen auf der Straße. Immer öfter müssen wir in Deckung gehen, unter Bäumen und Büschen uns verstecken. Da kommen wir auch ziemlich langsam voran und zudem sind die Ortschaften überfüllt mit Menschen, die nicht wissen wohin. Wir fahren dann die Zschopau entlang bis zu ihrer Talsperre. Dort am Stausee liegt ein Lazarett, ein ehemaliges Kurhotel. Natürlich ist alles belegt. Im Souterrain gibt es ein paar Lagerräume. Da werden wir einquartiert. Wir sind froh, es ist dort trocken und warm. Der Lazarettkoch ist ein Schlesier. Er sorgt für uns wie eine Mutter. Seine Familie ist verschwunden, Frau und 4 Kinder. Er läßt sich alles berichten, wie es zuging als wir fort mußten. Jedoch er bekommt keine Post mehr von dort. - Nach ein paar Tagen erfahren wir, daß wir nicht bleiben können. Das Lazarett ist mit Lungenkranken belegt und die Ärzte raten ab, der Kinder wegen. Also, wieder zusammenpacken. Ein Bürgermeister der Umgebung nimmt sich der Sache an und verteilt uns in Privatquartiere. Ich komme mit Wolfgang in ein freundliches Haus. Der Mann ist beim Militär, die Frau hat 2 Kinder und weiß was zu tun ist. Seit langer Zeit wieder ein Bett und ein Badezimmer. Das ist höchster Komfort. Wir alle sind dem tüchtigen Bürgermeister sehr dankbar. Da erreicht uns die Schreckensnachricht, daß dieser Mann tödlich verunglückt sei. Wir können es nicht fassen. Als Sägewerksbesitzer hatte er an der Kreissäge zu tun und kam mit dem Kopf in die Säge. In dieser Aufregung taucht ganz unerwartet Wilhelm auf. Er war an der Elbe abgedrängt worden und mußte in Meißen über die Brücke und suchte uns dann. Er hat von Meißen aus den Angriff auf Dresden gesehen und hetzte herum uns zu finden. - Wieder ein neues Problem. Wohin mit den Pferden? Kriebstein in der Nähe ist ein Staatsgut und muß die Tiere aufnehmen. Der Verwalter ist nicht entzückt und macht ständig Schwierigkeiten. Was wir aber nicht wissen ist, daß er kranke Pferde in den Stallungen hat, und so bleibt es nicht aus, daß die "Bräundel" krank werden. Mazurka, die hübsche Stute, ist tragend, und es wird kritisch für sie. Letzten Endes spielt Wilhelm Geburtshelfer im Pferdestall. Ein wunderschönes Fohlen kommt zur Welt, aber tot. Wilhelm ist Tag und Nacht bei den Tieren und pflegt sie. Nach Tagen sind sie endlich wieder fit. Der Verwalter besteht darauf das mitgebrachte Reitpferd des Barons zu reiten. Wilhelm rät ihm ab. Er kennt das Pferd, wie kapriziös es ist. Die Warnung wird in den Wind geschlagen und der Verwalter reitet hochmütig zum Tor hinaus. Eine Viertelstunde später kommt "Senator" allein zurück, er hat den Reiter abgeworfen. Wieder eine Viertelstunde später schleicht der Verwalter hinkend in die Ställe. -

Inzwischen lernt Wolfgang laufen und er versucht es auch mit der Sprache. "Auto" ist sein erstes Wort. Alles, was Räder hat, ist "Auto". - Es vergehen Wochen, es wird Frühling und wir sind immer noch da. Im April ist Ostern und man glaubt es kaum, es gibt ein Kirchenkonzert. Wilhelm holt seine Flöte aus dem Gepäck und wir beide gehen zur Kirche um zu üben. Ich spiele die Orgel. Es wird ein schönes Programm. Alle sind entzückt, das bringt natürlich Freude.

Breslau ist längst gefallen, hatte sich 3 Wochen verteidigt. Die Russen sind im Land und kommen immer näher. Die Amerikaner drängen von der Gegenseite. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann sich die beiden Heere treffen. Zwangsläufig kämen wir gerade dazwischen. Wilhelm sagt, wir müßten fort, wenn wir nicht den Russen in die Hände fallen wollen. Und so brechen wir eines Tages auf. Die Baronin wagt es nicht mehr, sie bekommt keine Passierscheine für den Troß. In letzter Minute besteigen wir (Wilhelm, das Kind und ich) einen Bummelzug nach Aue. Ein trauriger Blick auf die Zurückgebliebenen, ein schriller Pfiff, und wieder ist ein Stück Leben Vergangenheit. Diesmal ist der Windelrucksack mit Proviant gefüllt. Das arg ramponierte Kinderwägelchen wippt im Takt der Eisenbahnräder. Wir hängen unseren Gedanken nach, reisen wir doch wieder ins Ungewisse. - Aue! Umsteigen nach Hof! Raus aus dem Zug und wieder hinein in einen anderen Zug. Das klingt ganz einfach, ist es aber nicht. Die Züge sind überbesetzt, man kann kaum die Türen schließen. In den Gängen stapeln sich Koffer und Kisten. Wir haben nur einen Stehplatz, aber Hauptsache der Zug fährt. Es ist wieder Abend und die Sirenen heulen. Flieger! Die Lichter gehen aus im Zug, wir stehen auf einem Nebengleis. Nichts als Dunkelheit. Wir ziehen die Köpfe ein und warten, Da sind sie schon! Es dröhnt und kracht. Der Bahnhof war ihr Ziel. Noch einmal davongekommen denken wir und sind froh, als es wieder hell wird. Doch da war doch unser Rucksack, wo ist er nur? Ich krieche unter die Bank. Der Rucksack ist weg. Nun sind wir ohne Verpflegung. - Wir fragen uns durch nach einer Zugverbindung nach Rosenheim. Erst am nächsten Morgen kann es weitergehen. Das heißt für uns: eine Nacht Aufenthalt im Wartesaal. Die Nacht dehnt sich endlos. Die Zeiger der Bahnhofsuhr rücken nur langsam weiter. Aber auch diese Nacht geht vorbei. Ganz Deutschland ist unterwegs, könnte man meinen. Menschen, Menschen, Menschen. - Wir traben zum Bahnsteig. Hier müssen wir rein! Regensburg steht auf dem Schild. Wie die Ölsardinen zusammengedrängt sitzen wir im Abteil. Der Zug rollt gemächlich durch die Oberpfalz. Jetzt kommt Regensburg, stellen wir fest. Wieder Sirenengeheul, Fliegeralarm! Jetzt sind wir schon geübt im Aus- und Einsteigen. Bis alles vorbei ist, kauern wir in der Unterführung, hocken ziemlich lustlos auf den untersten Treppenstufen. - Man kann es kaum glauben, es soll weitergehen. Schnell, schnell, wer zuerst da ist bekommt einen Sitzplatz. Wir sind nicht schnell genug. Die Leute hängen in Trauben an den Waggontüren. Aber noch ein bißchen nachrücken, und die kleine Familie kommt noch mit. Ich werde hineingestoßen, Wilhelm hält sich im Türrahmen fest. Da schlägt der Schaffner von außen einfach die Tür zu und Wilhelm hat eine Hand dazwischen. Ich sehe es, mir wird ganz schlecht. Wilhelms Gesicht färbt sich grün, Schweiß perlt auf seiner Stirn und er fällt in Ohnmacht. Ich denke, daß die Finger zerquetscht sind. Nie mehr wird er Flöte spielen können. Das wäre dann das endgültige Aus für uns. Die Leute sind nun doch erschrocken und machen einen Sitzplatz frei für ihn. Die Hand wird blau, läßt sich aber noch bewegen. Wir holen tief Luft und widmen uns dem gänzlich verstörten Wölfchen. Da knirschen die Bremsen, der Zug steht und der Zugführer ruft: "Fliegeralarm, alle aussteigen, in Deckung gehen". Die Passagiere stürzen wieder hinaus in ein Wäldchen. Wir allein bleiben sitzen, es ist uns egal. Wir steigen nicht aus. Die Flieger suchen sich ein anderes Ziel und wir können wieder weiter.

Mühldorf am Inn wird ausgerufen. Heute geht es nicht mehr weiter. Wir nächtigen in einem Luftschutzbunker. In der Frühe zuckeln wir dann Rosenheim entgegen. Nun ist es nicht mehr weit bis zu unserem eigentlichen Ziel, dem Chiemsee. In Prien finden wir ein Fuhrwerk, das in dieser Gegend unterwegs ist und uns mitnimmt. Das sind die letzten Kilometer auf dieser 2. Etappe unserer Odyssee.

Da liegt er nun vor uns, der Chiemsee, schön wie immer, trägt viele Ferienträume und Erinnerungen der Kindheit. Der Himmel spiegelt sich blau im Wasser und die Dörfer liegen unversehrt an den Ufern. Die Höfe tragen makelloses Weiß, die Fenster sind hinter Blumen versteckt. Ich schaue, und meine Gedanken sind weit fort, ranken sich um die Vergangenheit. Da weckt mich ein heftiger Ruck des Fuhrwerks. Wir sind da. Nur noch eine kurze Strecke zu Fuß. Auch das schaffen wir noch. Meine arme Tante blinzelt ungläubig bei unserem Anblick, greift mehrmals in die Luft, um dann in Tränen auszubrechen. Als sich die Aufregung gelegt hat, gehen wir ins Haus. Es ist so gepflegt und schön. Ich komme mir vor, wie auf einem anderen Stern. Die Tante hilft mit Kleidung aus und bald fühlen wir uns wie neugeboren. So vergeht ungefähr eine Woche mit himmlischen Gefühlen bis uns die Wirklichkeit wieder einholt. Über das Wasser hinweg hört man das Rollen der Panzer, und Flugzeuge stören unsere Idylle. Wölfchen hüpft auf der Terrasse herum und freut sich über jeden Bombeneinschlag, der das arme Traunstein trifft. "Bum - - bum", jubelt er. Endlich ist wieder Ruhe. Am frühen Morgen, wir trauen unseren Augen nicht, sitzen mindestens 2o Amis in voller Montur vor unserem Gartentor. "Krieg aus" rufen sie uns zu, trunken vor Begeisterung. Unsere Freude hält sich in Grenzen, wissen wir doch nicht, was die Sieger mit uns vorhaben. Die Soldaten verschwinden wieder wie sie gekommen waren. Das Dorf ist in Aufruhr, alle reden durcheinander, beraten, was nun zu tun ist. Schließlich wird eine Abordnung aus den Honoratioren des Dorfes zusammengestellt. Sie sollen den Besatzern entgegengehen und unsere Unterwerfung kundtun. Ein weißes Fähnchen schwenkend marschieren sie dann tapfer zur Ortsgrenze, der Bürgermeister, der Pfarrer, ein Schriftsteller und ein Kunstmaler, zuletzt noch der alte Zahnarzt, der ist der englischen Sprache mächtig. Ich stehe am Fenster und schaue ihnen nach. Nichts geschieht. Die Zeit vergeht, Stunde um Stunde. Ei, schau einer mal an, was ist denn das? Ein Jeep fährt, aus entgegengesetzter Richtung kommend, auf den Platz vor der Kirche. Dann folgen eine Menge Militärfahrzeuge. Die wartenden Leute sind starr vor Überraschung. Ein paar Kinder stehen auch herum. Die Soldaten beschenken sie mit Schokolade. Doch dann wird es ernst. Die Häuser werden durchkämmt. Viele unserer Soldaten hielten sich dort versteckt. Sie werden auf eine große Wiese zusammengetrieben, bewacht und dann abtransportiert ins Gefangenenlager. Damit ist aber noch nicht genug. Die Militärs machen Quartier. Wir sind die ersten, deren Haus beschlagnahmt wird. Also, ade schöne Zeit. Wir müssen bei einem Bauern unterkommen. Dort waren aber schon sog. Ausgebombte aus Berlin untergebracht. Letztlich zählt das Haus dann 15 Bewohner, ein bißchen eng, aber es geht. Unser Haus beherbergt die Kommandantur, die Schule wird zur Verwaltung. -

Es ist Mai und auf dem Lande gibt es viel Arbeit. Wilhelm wird abgestellt zum Futtermähen für die Kühe, später wird Heu gemacht. Botengänge per Fahrrad in die Kreisstadt sind seine Aufgaben. Frauen und Kinder müssen Kartoffelkäfer auf den Feldern sammeln. So krieche ich auch, die Nase am Boden, durch den Kartoffelacker. Leider gibt es genug von diesen Tierchen, so daß wir lange Tage zu tun haben.

Wilhelm ist mal wieder mit dem Fahrrad unterwegs. Da greift ihn eine Militärstreife auf, lädt ihn samt Rad auf einen Laster. Da liegen und stehen schon viele junge Leute. In einem Lager werden sie ausgeladen und während einer nach dem anderen registriert wird, sucht Wilhelm das Weite. Spät, aber wohlbehalten kommt er abends bei uns an.

Es ist August geworden. Wilhelm macht sich Sorgen. Was soll aus uns werden? Schließlich planen wir die Abreise. Heidelberg, und vielleicht noch die Pfalz, das ist unser Ziel. Viel Gepäck haben wir ja nicht, und so kauft Wilhelm bei einem Bauern ein Motorrad. Einen Passierschein von den Amerikanern brauchen wir und natürlich Bezugsscheine für Benzin. Er sucht den Kommandanten in der Schule auf und bittet um die Papiere. Seltsam, der Mann spricht fließend deutsch. Er fragt nach woher und wohin. Und als er hört, daß wir aus Breslau kommen, erkundigt er sich nach diesem und jenem. Schließlich gibt er sich zu erkennen. Er ist ein emigrierter Jude, ein Arzt aus Breslau. Der Passierschein ist genehmigt und Wilhelm hält einen Stoß Berechtigungsscheine für amerikanische Tankstellen in der Hand. Und so kommt der Tag der Abreise. Man wünscht einander Glück und Gesundheit und los geht es, zuerst nach München. Wölfchen sitzt zwischen den Armen seines Vaters auf dem Benzintank und ich halte mich auf dem Sozius fest. Diesmal dürfen wir die Autobahn benutzen, doch immer wieder ist aus den verschiedensten Gründen gesperrt. Wilhelm muß schieben und Wölfchen und ich trotten hinterdrein. Es fällt uns ein Kleinbus auf, der uns schon einige Male überholt hat und bald darauf wieder zurückgekommen ist. Auf einmal hält das Auto. Der Fahrer gehört zu einer Autobahnbaustelle, der Arbeiter beim Schichtwechsel hin und zurückfährt. Nun hat er eine Leerfahrt und bietet sich an uns mitzunehmen. Wir sind glücklich. Wir werden bis Stadtgrenze München gefahren. Die Verwandten wohnen im Osten und wir haben es nicht mehr weit bis dahin.

Am nächsten Morgen will Wilhelm das Kultusministerium aufsuchen und nach einer Arbeitsmöglichkeit fragen, denn der Geldbeutel wird immer dünner und es kommt nichts mehr hinein. Der gute Onkel leiht ihm ein Jackett, damit er einen einigermaßen zivilen Eindruck macht bei seiner Mission. Man verspricht Wilhelm auch eine Dozentenstelle an der Akademie der Tonkunst, doch, wann diese ihren Betrieb aufnehmen würde, das kann keiner sagen. Nun konzentriert sich unsere Hoffnung auf Heidelberg, Wilhelms Heimatstadt. Da ist er groß geworden und kennt die Leute. Da würde sich schon einer finden der "Beziehungen" hat. Also, wieder München lebe wohl! Noch rasch den Ersatzkanister in den Tank geleert und das Motorrad trägt uns in die Ferne. Doch wehe uns! Fürstenfeldbruck haben wir gerade hinter uns gelassen, als der Motor zu stottern anfängt. Wir fahren an den Rand der Autobahn und Wilhelm sucht den Schaden aufzuklären. Seine Miene wird düster, er ahnt Schlimmes. Der Motor ist nicht mehr zum Leben zu erwecken. Also schieben bis eine Werkstatt gefunden ist. Wir trotten also los, immer geradeaus, immer der Nase nach. Das Kind quengelt. Wir setzen es mal aufs Motorrad, daß wir weiterkommen. Wilhelm schiebt, schiebt und schiebt. Privatfahrzeuge sind so gut wie keine unterwegs, ab und zu rattert ein amerikanisches Militärfahrzeug vorbei. Zum Umfallen müde erreichen wir am späten Nachmittag die Ausfahrt Augsburg. Die Füße tragen uns fast nicht mehr, doch wir schaffen es dann doch noch bis zu den ersten Häusern. Wir finden einen Bäckerladen. Dort wollen wir uns erkundigen ob es eine Möglichkeit gibt, ein Zimmer zu mieten hier in der näheren Umgebung. Nichts, nichts, keine Vermieter! Nach kurzer Unterredung mit seiner Frau, lud uns der Bäcker ein bei ihm und seiner Familie zu bleiben. Niemand hat heutzutage Platz Fremde aufzunehmen. Deshalb sind wir sehr überrascht von diesem Angebot und wir greifen glücklich zu. Wir übernachten in der Küche der Bäckersleute und zuvor stellte man uns Brot und sogar Kuchen auf den Tisch. Das war mehr als wir zu denken gewagt hatten. Der freundliche Bäcker sucht am nächsten Tag mit Wilhelm eine Werkstatt und mit Hilfe von ein paar Brotlaiben erstehen sie neue Kolbenringe für den Motorradmotor. Die Kolbenringe hatten sich nämlich festgefressen. Ursache war, daß der Ersatzkanister, den der Bauer beim Verkauf seines Rades mitgegeben hatte, eine gebrauchte Lackdose war und die Lackreste dann die Kolben verklebten. Den Rest des Tages montieren die beiden Männer, bis der Motor wieder läuft. Noch eine Nacht in der Küche und dann kommt die letzte Strecke! So denken wir jedenfalls. Am frühen Morgen starten wir. Die freundliche Familie winkt und bald haben wir auch Augsburg hinter uns gelassen. Wir fliegen dahin wie im Traum. Heute abend werden wir in Heidelberg sein. Wir sind guten Mutes. Doch das Unglück ist uns immer auf den Fersen. Die Route führt über die Schwäbische Alb und da hat es uns auch schon eingeholt. Wilhelm wird unruhig, fährt, bremst. Du lieber Gott, wir haben einen Platten! Was nun? Kein Flickzeug .......

Wieder mal ist Schieben angesagt bis zum nächsten Dorf. Wilhelm macht sich auf, nach Flickzeug zu forschen. Wölfchen und ich bewachen das Motorrad und sitzen im Straßengraben. Nach etwa 5 Stunden kommt Wilhelm und schwenkt einen Fetzen durch die Luft. 1o l Benzin hat er "gekostet". Nun fehlt uns nur noch etwas Klebstoff. Wir befragen alle Vorüberkommenden. Niemand hat Klebstoff, wozu auch in diesen Zeiten. Wir wollen gerade resigniert in den Straßengraben zurücksinken, da kommt ein total abgerissener Soldat des Weges. Nachdem er erfahren hat was los ist, kramt er in seinen Taschen und bringt doch tatsächlich eine Tube Klebstoff zum Vorschein. Sicher hatte er bei einer Motorstaffel gedient. Er hat es absolut nicht eilig und hilft noch bei der Reparatur. Endlich ist es geschafft. Es ist auch höchste Zeit. Der Mond kommt schon hinter den Bäumen hervor. In der Nähe sehen wir eine Mühle. Vielleicht können wir dort die Nacht verbringen. Die Müllerin ist ziemlich unfreundlich. Es ist schon zu viel Gesindel hier vorbeigekommen. Schließlich überläßt sie uns doch die Kammer des Müllerknechtes, der noch in Gefangenschaft ist. Wir sind zufrieden und richten uns zu dritt in seinem Bett ein. Ein Luxusbett ist es nicht, aber wir schlafen bis die Sonne aufgeht. Am Mühlenbach können wir uns erfrischen, einen Becher Milch für jeden hat die Müllerin dann doch noch "gefunden", und so trennen wir uns in Freundschaft. Heidelberg, ach Heidelberg, träumen wir so für uns hin. Es ist doch noch weit, bis wir das Neckartal erreichen. "Heidelberg",schreien wir, während wir das Karlstor passieren. Es sind kaum Leute zu sehen, was ist das? Sperrstunde, ruft uns jemand zu, schnell, schnell weg von der Straße. Wilhelm fährt ungerührt seinem Elternhaus entgegen. Ein schwarzer Polizist steht auf der Kreuzung. Er sieht das Kind auf dem Benzintank und lacht. Wir fahren weiter. Nichts geschieht. Das Motorengeknatter ruft die Anwohner der Straße an die Fenster und viele sagen verwundert: "Der Wilhelm, ja der Wilhelm ist gekommen". Die Eltern ziehen uns schnell ins Haus. Schließlich würden wir doch noch verhaftet, fürchteten sie.

Am Tage denke ich kaum mehr zurück an alles Verlorene. Es scheint fast vergessen. Doch in der Nacht steigen die Träume auf, wie aus einem anderen Leben:

Ich bin zurückgekehrt in die große Stadt mit den vielen Türmen und wandere durch wohlbekannte Straßen. Doch seltsam, die Häuser haben alle keine Fenster mehr und niemand wohnt mehr da. Suchend stolpere ich über die Plätze und durch winklige Gassen, doch ich finde auch hier niemanden. Plötzlich stehe ich vor einer Kirche. Das Seitenportal ist offen und ich trete ein. Ein paar Kerzen flackern gespenstisch und auf den Steinfliesen knien stumme Beter. Sie rühren sich nicht bei meinem Kommen und ich betrachte ihre Gesichter. Alle sind mir fremd. Von Unruhe getrieben eile ich wieder hinaus auf die Straße und weiter führt mich mein Weg über holpriges Pflaster, das nur spärlich von Gaslaternen erhellt ist. Kein Mensch ist unterwegs. In meiner Angst fange ich an zu rennen und mit laut klopfendem Herzen werde ich wach. - Breslau, ach Breslau! -