Lyrik von Maria Holschuh

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Der D-Zug München-Berlin hat den Bahnhof verlassen. Wilhelm und ich haben einen Eckplatz ergattert, wo man sich ein bißchen anlehnen kann. Wir fahren die ganze Nacht durch und überdenken noch mal die letzten Wochen, die wir am Chiemsee, in Tantes Haus, verbracht haben, wartend auf eine Nachricht aus Schneidemühl, ob denn das Theater spielt oder nicht. Der Polenfeldzug geht seinem Ende entgegen, es ist Anfang Oktober.

Wir indessen sind längst müde und der Zug rattert unentwegt gen Norden. Immer wieder ein Bahnhof, Leute kommen, Leute gehen! Im Morgengrauen erreichen wir Berlin, Anhalterbahnhof. Mein Vetter Theo, der beim Finanzministerium tätig ist, holt uns ab und bringt uns zum Bahnhof Friedrichstraße. Dort fahren die Züge ab nach Osten. Es ist heller Tag und ich schaue zum Fenster hinaus, neugierig, wie es hier wohl aussieht. Es ist kaum zu glauben, der Zug fährt und fährt und nur ab und zu sieht man mal einen Ort oder wir halten in einer Stadt. Keine weinumrankten Fachwerkhäuser sehe ich, nichts als ausgedehnte Kiefernwälder, dunkel und schweigend. Hin und wieder taucht ein Herrenhaus auf, umgeben von ein paar bescheidenen Katen. Ob das schon Polen ist, denke ich, doch nein, ein großes Schild prangt am nächsten Haltepunkt: Deutsch-Krone. Jetzt haben wir es bald, sagt Wilhelm, der sich da schon auskennt. Nach langer Reise endlich Schneidemühl! Wir hieven unsere Koffer aus dem Abteil und passieren die Sperre. Bahnhofstraße ist unsere erste Adresse. Es ist glücklicherweise nicht weit und wir können uns häuslich niederlassen. Gleich die erste Querstraße führt zum Theater, einem ganz neuen Gebäude. In der Ferne sieht man einen barocken Kirchturm und noch weiter stehen große Kasernen. Es gibt auch eine Musikschule und das Freiherr von Stein Gymnasium, wo Wilhelm unterrichtet. Jede freie Stunde benutzen wir um die Umgebung zu erkunden. Man kann kilometerweit gehen, ohne einem Menschen zu begegnen. Es ist still und unendlich weit, eine herbe Schönheit. In den dunklen Wald sind immer wieder kleine Seen eingestreut, glatt wie ein Spiegel und blau wie der Himmel.

Einmal sind wir mit einem Kollegenehepaar unterwegs und wandern so am Wasser entlang und wissen nicht, daß wir einen Schwan beim Brüten stören. Der aber stürzt sich uns entgegen, richtet sich auf und schlägt mit den großen Flügeln und krächzt fürchterlich dazu. Als sei der Teufel hinter uns her, flüchten wir so schnell wir nur können und fallen atemlos auf den nächsten Baumstumpf.

Auch als es Winter wird streifen wir durch die Gegend. So viel Schnee wie dort, habe ich noch nie gesehen. In einer hellen Mondnacht machen wir uns auf die Socken und bauen einen riesigen Schneemann und nicht genug, wir liefern uns auch noch eine Schneeballschlacht und der Mond lacht dazu.

Im übrigen gehe ich fast jeden Abend mit ins Theater. Ich lerne viel beim Hören und Zuschauen. Es gibt recht gute Kräfte. Einen Bajazzo zum Beispiel, wie zur Zeit, wird man selten finden, ebenso einen Buffo, der seinesgleichen sucht. Alles in allem sind wir zufrieden, wenn es nur nicht so elend kalt wäre. Die Leute liegen in ihren Betten um sich zu wärmen, wenn sie nicht arbeiten. Es ist wahrhaftig ein strenger Winter. Manchmal gehen wir zu Bekannten, da habe ich weiße Haare, gereift vom Atem, bis wir dort ankommen.- An einem solchen Abend im Januar, ist ein Gastspiel in Kudnow angesetzt, da soll eine Operette für die dortige Garnison aufgeführt werden. Der Kulissenwagen hat die 200 km durch die Schneelandschaft schon geschafft, aber die Busse mit dem Orchester und den Solisten bleiben kurz vor dem Ziel stecken. Nichts geht mehr. Die Nacht bricht herein und angezogen vom Licht, streichen Wölfe um die Busse. Der Schnee ist so hoch aufgetürmt, daß die Tiere zu den Fenstern hereinschauen. Die Primadonna und die Primaballerina fallen in Ohnmacht, die anderen schreien vor Angst. Da endlich werden sie erlöst. Das Militär rückt an und schaufelt sie frei. Mit ein paar Schüssen waren die Wölfe in die Flucht geschlagen worden. Morgens um 6 h ist die Gastspielreise beendet und um 8 h muß Wilhelm in der Schule stehen.-

Wieder einmal streifen wir durch die Stadt. Unser Weg führt an den Kasernen vorbei. Ein Schilderhäuschen, ein Wachposten, Soldaten gehen aus und ein! Doch da bleibt einer stehen und schaut sich um, wir sehen hin und Wilhelm ruft auf einmal laut: Ferdinand! Ja, es ist unser Freund, der Organist, aus der Heimat. Das Infanterieregiment 110, bei dem er dient, ist für ein paar Ruhetage hier untergebracht. Bald geht es weiter, vermutlich nach Frankreich. Da gibt es seit Mai 1940 eine neue Front. Natürlich sind beim Regiment noch viele Pfälzer. Nach und nach sind wir umringt von lauter lachenden Gesichtern. Die meisten jungen Leute waren meine Tanzstundenherren. Ich frage dies und das und höre es, 3 von Ihnen liegen in Polen begraben. Wir schleppen natürlich Ferdinand mit nach Hause, bewirten ihn und reden, reden, reden, bis es Zeit ist zum Zapfenstreich. Ich glaube, ich habe doch ein bißchen Heimweh.- Noch 2 Monate und die Spielzeit ist beendet und wir wollen den Urlaub in der Pfalz verbringen. Im Juli packen wir dann die Koffer und los geht die Reise, quer durch Deutschland. Wir genießen das Elternhaus und begrüßen viele Freunde und Bekannte. Der Frankreichfeldzug spielt sich weiter westlich ab, nur ein böses Grollen ist ständig zu hören. Die Maginotlinie (französische Befestigung) wurde überrannt, so daß es in Landau einigermaßen ruhig ist. Die Leute sind auch alle wieder zurückgekommen und alles scheint wie früher.- Mitte August heißt es wieder Koffer packen, die nächste Spielzeit beginnt und zwar nicht in Schneidemühl, sondern Bromberg, noch 100 km weiter im Osten. Wilhelm hat ein günstiges Angebot und hat zugeschlagen. Nun sind wir auf Wohnungssuche. Wieder eine fremde Stadt, teils von Deutschen, teils von Polen bewohnt. Endlich finden wir was passendes, nachdem wir uns fast die Füße abgelaufen hatten. Nun ist auch der Weg frei für unsere Möbel und wir richten uns ein. Wilhelm ist sehr beschäftigt im Theater und an der Musikschule. Ich muß mich umstellen. Hier rechnet man mit Zloty, 6 Zloty= 1 Reichsmark. Wilhelms Kollegen sind durchweg nett und geben so manchen Tip für die neue Umgebung. Hier kann ich nicht allabendlich mit ins Theater und so verbringe ich die einsamen Abende mit Musik, ich lerne sogar die Flöte blasen. Ich bin immer froh, wenn Wilhelm zurück ist, denn der Heimweg ist gefährlich. Die Polen sind uns nicht gut gesinnt und so sind nächtliche Überfälle keine Seltenheit. Ein Wunder ist das nicht, die Polen werden auch von uns nicht gut behandelt. Wilhelms Vorgänger im Orchester zum Beispiel ist entlassen worden, sein Instrument hat man konfisziert. Er muß jetzt als Orchesterdiener fungieren, also Pulte stellen und Noten auflegen. Wilhelm kann das nicht ertragen und er schenkt ihm sein Zweitinstrument. Wissen darf das natürlich keiner.- Wir wollen nicht bleiben und als in der Orchesterzeitung eine Stelle in Breslau ausgeschrieben ist, bewirbt sich Wilhelm und wird dann auch zum Probespiel eingeladen. 36 Bewerber spielen um die Wette und Wilhelm ist Sieger. Wir sind glücklich, sogar mit dem Sohn des berühmten Dirigenten Rosbaud hat er es aufgenommen. Es steht also ein Umzug bevor und ich erwarte bald unser 1. Kind. Wir beschließen, daß ich nach Hause fahre, während Wilhelm in Breslau eine Wohnung sucht und den Umzug macht. Also packe ich wieder die Koffer, der "Orchesterdiener" trägt die Koffer zum Zug. Seine Augen sind verräterisch feucht.

Landau, Sept. 1941, Fliegeralarm!

Mutter und ich sind auf dem Weg ins Krankenhaus, es ist Zeit. -------

Nein ich darf kein Kind nach Hause tragen. Ich bin starr vor Kummer. Wilhelm kommt und nimmt mich mit nach Breslau.

Durch die Musik lernen wir dort rasch viele nette Leute kennen, die uns in ihre Häuser einladen, und so flattert uns im Dezember eine Einladung zum Weihnachtsfest in die Wohnung. Wir sind froh, daß wir nicht alleine bleiben müssen und nehmen gerne an.

An besagtem Tag fahren wir also zunächst mit der Straßenbahn bis zur Endstation im Süden der Stadt. Es ist ziemlich kalt und schon kurz vor dem Dunkelwerden. Ein Schlitten, mit Pferden bespannt erwartet uns. Der Kutscher, in mächtigen Stiefeln, eine riesige Pelzmütze über den Ohren, hilft uns beim Einsteigen. Wir kuscheln uns in die Felldecken und schlüpfen bis an die Knie in Pelzsäcke. Nun ist es hübsch warm und es kann losgehen. Inzwischen ist es dunkel geworden. Der Himmel spannt sich wie eine große Glocke über die Ebene und scheint mit tausend Sternen bestickt. Die Pferde kennen ihren Weg und mit leise klingendem Zaumzeug traben sie dem Gutshof entgegen. Der Schein der Schlittenlampen huscht über den gefrorenen Boden. Beim Herrenhaus angekommen, klettern wir aus dem Schlitten und drängen mit vielen anderen Gästen ins warme und festlich geschmückte Schloß. In der Eingangshalle strahlt ein hoher, reich gezierter Tannenbaum. Er reicht vom Boden bis zur Decke und eine geschnitzte Krippe steht zu seinen Füßen. Nachdem die Hausherren begrüßt sind beginnt der Heilige Abend. In der großen Halle steht das ganze Gesinde neben allen Gästen. Der Herr des Hauses verliest das Weihnachtsevangelium. Es ist mäuschenstill geworden. Ein paar Pakete gibt es dann für die Kinder des Ortes, die Armen und Kranken und die Soldaten im Krieg. –

Nun wird zum Abendessen geläutet, und wir nehmen an einer langen Tafel unsere Plätze ein. Man speist feierlich bei Kerzenschein. Die Bedienung geht leise auf und ab. Nach dem Mahl gruppieren sich alle um den Kamin. Dicke Birkenscheite prasseln im Feuer und man beginnt zu plaudern. Die Zeit vergeht, es ist Zeit geworden, die Schlitten anzuspannen. Es geht zur Mitternachtsmesse. Wie ein glühender Wurm fahren die Schlitten nacheinander über Land zur nächsten Kirche. Der Kutscher wartet und bringt uns anschließend wieder zur Straßenbahn. Bald haben wir wieder unsere stille Wohnung erreicht.

Zu diesen Freunden kommen wir noch oft. Im Sommer geht es im Landauer durch die Gegend. Wir musizieren und trinken Tee aus einem echten Samowar. Manchmal bleiben wir auch ganze Wochenenden dort. Wilhelm bringt auch öfter Kollegen mit, die das Programm erweitern. Zuweilen reiten Wilhelm und der Baron über die endlosen Felder. Die Damen folgen in der Kutsche.

Einmal sind wir eingeladen von den Eltern einer Musikstudentin nach Hirschberg. Von dort erklimmen wir die Schneekoppe. Es ist so romantisch, man könnte glauben Rübezahl zu begegnen. Wunderschön ist Schlesien! Die Oder, die unsere Stadt teilt, lädt ebenfalls zu Erkundungsspaziergängen ein. Weiße Schiffe fahren flußabwärts oder zu den Inseln in der Strommitte. Die Liebesinsel ist ein beliebtes Ziel oder die Sandinsel, wo der Dom steht.

Heute ist mal wieder Hausmusiktag. Wilhelm bringt einen jungen Kollegen mit, einen Kapellmeister. Er ist Tscheche und wurde nach Breslau dienstverpflichtet (nach dem Krieg wird er eine ganz große Nummer in Prag). Die beiden spielen von früh bis spät. Die Noten türmen sich schon und unsere Wohnungsnachbarin, eine Musikwissenschaftlerswitwe sitzt mit dem Ohr an der Wand in ihrem Sessel im Nebenraum. Seit wir das wissen, laden wir sie zu uns ein in solchen Fällen. Sie ist sachverständig und überglücklich.

Ich selbst habe mich leidlich von meinem Schock erholt, keimt doch wieder neues Leben. Weihnachten 1942 erwarte ich das zweite Kind.

Im Sommerurlaub fahren wir in diesem Jahr nicht in die Pfalz. Mutter kommt zu uns. Vater war im vorigen Herbst plötzlich verstorben. Es ist entsetzlich für sie und uns. Sie ist alleine im Haus zurückgeblieben, die Söhne im Krieg und ich so weit weg. Nun wollen wir uns ein paar erholsame Tage machen. In Bad Kudowa, im Glatzer Bergland mieten wir uns ein. Die Berge sind hier doch immerhin um 15oo m hoch. Also heißt es kraxeln. Bei guter Fernsicht sieht man in die Tschechei. Die schönen Tage sind leider bald zu Ende. Mutter verläßt uns wieder und Wilhelm muß sich seiner Arbeit widmen. Es stehen Konzerte an im Schloß und in der Universität. In der Oper gibt es Tosca und im Konzerthaus ist das Requiem von Verdi zu hören. Ein paar Kunstbeflissene kommen auch zum Privatunterricht und nicht zu vergessen ist die Musikhochschule.

Der Herbst ist da, und langsam beginne ich mit den bescheidenen Weihnachtsvorbereitungen. Endlich der 22. Dezember! Meine Zeit ist da! Ich gehe zuversichtlich ins Krankenhaus. Doch es gibt Komplikationen und mit dem Kind stirbt meine Lebensfreude. Ich halte mir die Ohren zu und will nichts mehr denken. ---

Es braucht seine Zeit bis meine Lebensgeister wieder erwachen und mein Temperament die Oberhand gewinnt.

Wilhelm hat in Lübeck ein Cembalo gekauft und als es neben dem Flügel steht, nehme ich es in Beschlag. Ich muß alles ausprobieren, wie das funktioniert mit den Registern und Manualen. Lustig, das Cembalo hat schwarze Tasten und weiße Halbtöne. Ich bin fasziniert. Wider Erwarten geht es gut zu spielen für mich, und wir haben wieder eine neue Variante fürs Hauskonzert.

Der lange Winter hat dem Frühling Platz gemacht, der Sommer kommt, und ich weiß es, das nächste Jahr wird mir Glück bringen.

Im Herbst wird mir eine Haushaltshilfe zugeteilt. Ich fahre mit Wilhelm zum Güterbahnhof. Ja zum Güterbahnhof! In einem Waggon liegen zusammengerollt im Stroh einige Gestalten. Nacheinander kommen etwa 2o Mädchen heraus, Russinnen. Jeder der Anwesenden kann sich eine aussuchen. Ich bin so entsetzt, daß ich mich nicht von der Stelle rühre. Da nimmt mich ein Mädchen an der Hand und wir gehen zusammen fort. Nina, so heißt sie, kommt aus Tiflis in Georgien. Sie ist gelernte Hebamme, sauber und hübsch. Ihr Gepäck ist ein zusammengeknotetes größeres Taschentuch, darin ist ihre ganze Habe. Sie ist restlos glücklich als ich ihr ein Kleid zurechtmache aus meiner Garderobe und Wäsche braucht sie auch. Ich quartiere sie im Gästezimmer ein. Unsere Zusammenarbeit entwickelt sich ausgezeichnet. Sie hat in der Schule Deutsch gelernt und kann sich gut verständigen. Ich erfahre von ihr vieles über Rußland. Ich staune über ihre Kenntnisse in deutscher Literatur. Nur Religion hat sie keine, sie zuckt die Achseln und sagt: "Sowjet". Unser Nachbar, ein Universitätsprofessor, hat auch so ein Mädchen. Diese kommt aus Stalingrad, ist aber eine orthodoxe. Die beiden Russinnen freunden sich an und so wird es leichter für sie in der Fremde.

Ende Januar 1944. Wird Wolfgang geboren, zwar mit Kaiserschnitt, aber wir leben beide. Nun sind wir eine richtige kleine Familie. Die Freude ist groß. Kaum bin ich aus der Narkose erwacht, geht es mit Bett und Kind in den Keller. Fliegeralarm! Das Personal arbeitet bis zur Erschöpfung. Die vielen Kranken und Betten! Gottlob passiert nichts.

Im Februar komme ich nach Hause. Nina rennt herum und sagt immer wieder: "Baby lacht". Natürlich lacht er nicht immer, manchmal quäkt er jämmerlich. Alles in allem entwickelt er sich aber gut und im März können wir ihn zur Taufe tragen. Da gibt es ein Fest, wenn man das in diesen mageren Zeiten so nennen kann.