Lyrik von Maria Holschuh

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Toll, wir wohnen im eigenen Haus! Es ist ein schönes Haus, ein Architekt hatte es einmal für sich selbst gebaut, großzügig ausgestattet und ein Garten ist auch dabei. Mutter ist darüber ganz begeistert. Ein Garten, nein sowas! Ich habe natürlich mein eigenes Zimmer. Schaue ich zum Fenster hinaus, sehe ich auf den Ostflügel des Landgerichts, der die Staatsanwaltschaft beherbergt. Vor meinem Fenster schaukeln die blauen Blütentrauben der Glyzinen, die an der Außenwand des Hauses emporklettern. Mit einer Weinlaube verbunden ist ganz malerisch die Garage des Anwesens und der Garten. In der Einfahrt zum Wohnhaus blühen riesige Hortensienbüsche. Also überall grünt und blüht es, wie es in der Pfalz ja üblich ist. Die hochherrschaftliche Garage enthält auch ein Chauffeurzimmer, das meine Mutter aber zu einem Hühnerstall deklassieren will. Eines abends steht dann tatsächlich ein schmächtiger, etwas scheuer Mann vor der Tür, der 4 Hühner abliefert. Na ja, die Hühner sehen aus wie ihr bisheriger Herr, etwas schmächtig und scheu. Mutter meint, daß wir das schon hinkriegen bei guter Pflege und gesundem Auslauf in einem eigenen Hühnergärtchen. Es dauert nicht lange, da erscheint ein Besucher bei uns, Vaters Bundesbruder M. und bringt einen kohlrabenschwarzen Hahn, ein Prachtexemplar von einem Gockel und noch ein ebensolches Huhn. Nun ist die Besatzung komplett und die Dinge nehmen ihren Lauf. Ein paar Wochen später verbreitet sich im Haus die frohe Botschaft aus dem Hühnerparadies: Die dicke Glucke brütet, 12 Eier liegen im Nest. Da sind wir dann alle gespannt, wann das große Ereignis eintrifft. Eines morgens, wir Kinder stehen gerade in der Diele herum um zu unserem Schulweg aufzubrechen, da hören wir Mutters Stimme Telefon: "Stellen sie sich vor, Frau Gluck, ich habe 12 junge Küken und brauche dringend Hirse......., also auf Wiedersehen Frau Gluck." Meine Brüder staunen erst und dann johlen sie und lachen. Mutter hat Frau Groß vor lauter Küken Frau Gluck genannt. Das muß sie noch oft unter unserem Gelächter hören. Es ist Zeit, wir müssen los, der große Bruder zum Gymnasium, ich besuche das Lyzeum bei den Nonnen und der Kleine geht noch zur Grundschule. Jeden Tag treffen wir die gleichen Leute, die gleichen Mitschüler. Man kennt sich und wechselt ein paar Worte. Wieder wollen wir das Haus verlassen, da rumpelt unser Kleiner, den Schulranzen schon auf dem Rücken, die Treppe vom oberen Stockwerk herunter, bleibt bewußtlos liegen und atmet kaum mehr. Wir sind zu Tode erschrocken und tragen ihn auf ein Sofa. Mutter schickt mich den Arzt zu holen. Ich renne los und richtig, da kommt er, wie jeden Tag, die Straße entlang. Er ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Dr. P. ist ein Freund der Eltern und kommt sofort mit mir. Zum Glück ist alles nicht so schlimm, wie es ausgesehen hat. Der Schulranzen hatte die Lunge gequetscht beim Sturz. Der Arzt gibt seine Anweisungen, und wir können uns wieder "abregen". – Einmal in der Woche gehe ich, gleich von der Schule aus, zur Klavierstunde. Dr. B. ist in meinen Augen ein Pedant. Er nörgelt wegen eines falschen Fingersatzes oder einer falschen Phrasierung. Mir macht das überhaupt nichts aus, aber er hat seinen Doktor in Ästhetik gemacht und kennt da keine Gnade. Ich komme zu ihm etwa gegen 11 Uhr, da scheint er noch zu schlafen. Seine Mutter, die mir die Türe aufmacht, ruft jedesmal laut: "Euschen steh‘ auf, s‘ Mäusl is do"! Leise knistert und klappert es im Nebenzimmer bis der Maestro endlich erscheint. Dann spiele ich halt vor, was ich kann oder auch nicht kann. Ja, das ist die erste Stufe zur wahren Kunst. – In der Schule versuche ich mich zur gleichen Zeit als Schauspielerin. Anläßlich eines Schulfestes übernehme ich eine Hauptrolle in dem Schauspiel "Genofeva". Ich bin der kleine Sohn der verbannten Gräfin. Es ist ein durchschlagender Erfolg. Die Zeitungen haben darüber berichtet. Später trete ich nochmals auf in einer Kinderoper: Die Reise um die Welt.

Bei uns im Haus gehen oft Gäste ein und aus, angemeldete und überraschende. Mutter schafft es immer, etwas auf den Tisch zu zaubern und alle kommen gerne und immer wieder. Es wird erzählt, gelacht und musiziert. Das Musizieren wird bei uns ganz groß geschrieben. Vater ist ein hervorragender Begleiter auf dem Klavier, Mutter hat eine ausgebildete Sopranstimme und die Freunde steuern noch Geigen oder Celli bei. Manchmal wird auch im Quartett gesungen, nicht immer klassisch, aber mit Begeisterung. So werden Weihnachten, Karneval oder irgendwelche Jubiläen gefeiert. Die Proben finden bei uns im Haus statt und wir Kinder hocken heimlich vor der Tür und lauschen. Eigentlich sollten wir längst in den Betten liegen. Wenn mal eine Stelle "entgleist", lachen wir uns diebisch ins Fäustchen. Bevor alles zu Ende ist, schleichen wir uns in unsere Zimmer und stellen uns schlafend, wenn Vater nochmals hereinschaut. -–Eine große Gaudi ist es, wenn Theater gespielt wird, meist Sketsche, die meine literarisch begabte Mutter sich ausdenkt. – Sonntags gibt es Familienwanderungen auf sämtliche Burgen und Schlösser im Pfälzer Wald.Wenn wir uns müde gelaufen haben, wird zum Schluß irgendwo am Wege eingekehrt . Die guten Tröpfchen, die es überall gibt, kann man ja nicht verschmähen. Die Kinder trinken Sprudel oder Schorle. Der Kopf ist "ausgelüftet" und fröhlich beginnen wir die nächste Woche.

Leider liegen Lachen und Weinen nahe beisammen und so muß ich immer an meine arme Banknachbarin in der Schule denken. Sie ist ein stilles, freundliches Mädchen. Eines Tages fehlt sie beim Unterricht. Ist sie krank? Nein, viel schlimmer. Es hat sich in der vergangenen Nacht ein Familiendrama abgespielt. Ihr Vater hat aus Eifersucht seine Frau erschossen. Die Zeitungen sind voll davon, und die armen Kinder müssen Spießruten laufen. Der Vater wurde verhaftet und sitzt im Gefängnis, die Mutter tot. So sind sie Waisen geworden. Die Leitung der Klosterschule will die Mädchen ins Internat aufnehmen. Es wird nichts daraus, weil die Eltern der Zöglinge dagegen sind, I h r e Kinder zusammen mit den Kindern eines Mörders! Nein! Die Fürsorge muß sich endlich um sie kümmern. Ich bin noch bedrückter als das Schwurgericht tagt um die Sache zu verhandeln, denn ausgerechnet mein Vater hat den Vorsitz und wird das Urteil sprechen müssen. –

Im Juni 193o verlassen die Franzosen das letzte deutsche Gebiet, die Pfalz. Seit 1918 hatten sie hier als Besatzung gelebt und geherrscht. Es gibt ein riesiges Fest. Von allen Türmen läuten die Glocken und am Abend findet ein grandioses Feuerwerk statt. Der Höhepunkt des Lichterzaubers ist eine große Schrift am nächtlichen Himmel: "Herr, mach‘ uns frei". Alt und Jung sind begeistert, fühlen sich reingewaschen von langer Schmach.

1933 kommt Hitler an die Regierung. Das verändert unser Leben, wir ahnen es. Richtig, ein Tag nach meinem Geburtstag in diesem Jahr, ich sitze in meinem Zimmer und lerne Vokabeln, da sehe ich einen Menschenstrom zur nächsten Querstraße drängen. Was ist los, denke ich, schlage mein Buch zu und stürme hinaus auf die Straße. Mutter ruft noch: "Bleib‘ weg!" Aber ich bin schon fort. Die Straße ist voller Rauch! Es brennt! Aber wo? Am Ende besagter Querstraße steht die Synagoge unserer Stadt, ein Prachtbau mit 5 riesigen Kuppeln. Ich dränge mich vor und sehe die Inneneinrichtung des Gotteshauses, auf einen Haufen getürmt, brennen. Ein paar braun Uniformierte stehen herum. Die Leute am Ort des Geschehens sehen erschrocken, aber sprachlos zu. Niemand wagt es einzugreifen. Ein paar Tage später wird das ganze Bauwerk gesprengt. Wie nach einem Erdbeben liegt ein Berg Steine herum. Ein trostloser Anblick.

Kurze Zeit später geht es los mit dem Bau des Westwalls. Tausende von Arbeitern bevölkern die Stadt und Umgebung. Wie die Pilze schießen die Bunker aus dem Boden. Eine fürchterliche Unruhe hat uns befallen. Die Stadt dröhnt von früh bis spät vom Lärm der Baumaschienen. In den Wirtschaften gibt es viel Streit, Mord und Totschlag. – Endlich kommen wir wieder zur Ruhe und die ersten deutschen Truppen ziehen in der Garnison ein. Da freuen sich viele Mädchen über die flotten Burschen und die schmucken Uniformen! Die Straßen versinken in roten Hakenkreuzfahnen. –

Unsere jüdischen Nachbarn huschen nur noch heimlich aus ihren Häusern. Neues Unheil ist über sie gekommen. Man hat ihre Wohnungen geplündert und viele Leute verhaftet. Auch Augenarzt Dr. F. ist abgeholt worden. Er hat es aber vorgezogen sich am Hauptbahnhof eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Hinter vorgehaltener Hand flüstern sich die Leute zu, was für ein wohltätiger Mensch er gewesen sei. Ein Strom des Jammers fließt durch viele Straßen und Gassen, es riecht nach Wein. Die riesigen Fuderfässer der Weinhändler ließ man einfach auslaufen und brüllte dazu: "Die Juden sind unser Unglück".

Wir schreiben 1936. Mein großer Bruder und ich haben inzwischen die Schule absolviert. Der "Kleine" steht vor dem Abitur. – Ich mache eine Begabtenprüfung an der Musikhochschule in Karlsruhe, schaffe es auch und von da an pendle ich zwischen Karlsruhe und Landau hin und her. Neben den Hauptfächern Gesang und Klavier sind noch viele theoretische Stunden belegt. Ich befasse mich wohl oder übel mit Harmonielehre, Contrapunkt, Formenlehre, Ästhetik usw. Dazu gibt es noch Chorgesang und Kammermusik. Voll beschäftigt bin ich, da tritt Wilhelm in mein Leben. Anläßlich eines Kirchenkonzertes, das unser Kommilitone Ferdinand leitet, der schon eine Organistenstelle innehat, bringe ich ihn ins Elternhaus, und er wird wohlwollend akzeptiert. Bei diesem Konzert singe ich eine Kantate von Telemann, meine Freundin Ruth begleitet mich auf der Orgel und Wilhelm spielt die obligate Flöte. Es klappt alles gut, und wir haben viele Pläne. Aber wie es so ist im Leben, es kommt vieles ganz anders. Die Reihen der Studenten lichten sich. Nach und nach werden sie zum Militär eingezogen, auch unser Freund Ferdinand. Die Mädchen bleiben auch nicht ganz ungeschoren. Wir werden zu Nachrichtensprecherinnen ausgebildet, d. h. wir sollen im Ernstfall feindliche Flugzeuge melden können von den Radarstationen. Eine andere Gruppe übt beim Roten Kreuz. Ich habe beides hinter mich gebracht. Aber noch immer scheint die Sonne und wir sind zuversichtllich, daß wir alles nicht brauchen werden. Mein engerer Freund Wilhlem verläßt Karlsruhe um in München seine Studien fortzusetzen und dann auch abzuschließen. Doch wir bleiben in Verbindung. Die Post muß so manchen Brief transportieren. Ich kann es gar nicht abwarten seine eigenwillige und großzügige Schrift im Briefkasten zu entdecken. Das Herz schlägt merklich schneller und ich träume so vor mich hin. –

An einem Abend im Sommer, ich komme gerade mit dem letzten Zug aus Karlsruhe, stehen meine Eltern am Bahnhof. Das machen sie manchmal, doch heute haben sie jemand mitgebracht. Ein junger, großer, gut aussehender Mann lacht mich an und sagt: "Ich bin Rudolf". Die Eltern ergänzen und berichten, er sei der Sohn von Vaters Schulfreund B. aus Würzburg. Er mache gerade eine Urlaubsfahrt per Fahrrad durch die Pfalz und wolle 1 bis 2 Tage hier bleiben. Aus den 2 Tagen werden 2 Wochen. Ich bin als Gesellschafterin abgestellt und wir verleben eine wunderschöne Zeit. Wir wandern auf die Burgen der Umgebung, spazieren durch die Weinberge, besichtigen den Dom zu Speyer. Rudolf ist wirklich ein netter Mensch. Seine Augen leuchten, manchmal sieht er mich so fragend an und ich erschrecke, habe ich mich doch für Wilhelm entschieden. Der Abschied läßt sich nicht vermeiden und ich sehe dem sportlichen Radfahrer nach. Er muß zurück zu seinem Fliegerhorst, der Dienst wartet auf den jungen Leutnant (2 Jahre später wird er über England abgeschossen).

Die Duplizität der Ereignisse läßt sich nicht übersehen. Wieder steigt ein junger Radler bei uns ab. Diesmal ist es ein frisch gebackener Mediziner, der demnächst in die Praxis seines Vaters einsteigen will, Weiden O.Pf. ist sein Heimatort, wo auch ich vor nun 2o Jahren geboren wurde. Unsere Eltern sind schon so lange sehr befreundet. Unserem Gast zeige ich auch diesmal die Schönheiten der Pfalz. Ich lebe auf einer Wolke der Träume und schwebe durch die Zeit. Ich könnte tanzen wenn, ja wenn....., nein ich kann es Wilhelm nicht antun! Ich ziehe mich zurück und der unvermeidliche Abschied kommt. Das war also Karl-Heinz (kurz vor Kriegsende wird er von Partisanen in Italien erschossen).

Die Zeit eilt dahin. Wilhelm arbeitet fleißig in München. Schon 5 Konzerte hat er gespielt, auch im Radio ist er zu hören und mit besten Zeugnissen und Empfehlungen von hochkarätigen Dirigenten ausgestattet verläßt er die Akademie der Tonkunst in München. Im Herbst 1938 tritt er seine erste Stelle an in Schneidemühl, einer Stadt am Polnischen Korridor, zum Land Pommern-Westpreußen gehörend. Zuvor verabschiedet er sich noch musikalisch von seiner Heimatstadt Heidelberg. Ich bin auch mit von der Partie und finde es ziemlich seltsam, meinen Namen auf den Plakaten zu lesen, die überall herumhängen. Als auch diese Schlacht geschlagen ist, gibt es noch einen Blitzabstecher in die Pfalz, der unsere gemeinsame Zukunft klärt. Dann bricht Wilhlem endgültig auf in den Nordosten. Ein paar Tage später kommt ein dicker Brief für mich und heraus fällt ein goldner Ring. Ein Jahr wollen wir noch warten und dann soll die Hochzeit sein. Ich fahre weiter nach Karlsruhe, um alles andere kümmern sich die Eltern.

August 1939. Das Brautkleid mit Spitzenschleier liegt bereit und Mutter bemüht sich, alles was Küche und Keller hergeben aufzubieten. Die Nachrichten werden immer beklemmender und jeder fragt sich, was nun werden wird. Da verbreitet sich die Nachricht, daß keine Züge für private Reisen mehr verkehren. Das ist wahrhaftig ein Schock, denn der Bräutigam ist weit fort vom Hochzeitsort, wo er doch unbedingt gebraucht wird. Und es kommt noch schlimmer: der 1. September, der Hochzeitstag rückt näher und keine Spur vom Bräutigam! Warten, warten und nochmals warten! Inzwischen wird es in der Stadt unruhig, die Menschen reagieren nervös. Die Zivilisten setzen sich ab, soweit sie können. Die Geschäfte schließen, es gibt nichts mehr zu kaufen. Hotels machen dicht, es kommt ohnehin niemand mehr. Die Hektik wird immer größer, da erscheint, o Wunder, der Bräutigam, zwar stark angestaubt von der Reise auf dem Trittbrett eines Güterzuges, aber sonst wohlbehalten, den Hochzeitsfrack im Koffer. Na, wenigstens ist diese Frage gelöst. Wir stürzen sofort zum Standesamt, denn wer will wissen, wie lange dieses noch arbeitet. Sämtliche Gäste haben inzwischen abgesagt. Jeder hat mit sich zu tun, selbst mein älterer Bruder ist eingezogen und kann nicht kommen. Am 1. Sept. morgens 6 Uhr sitzt die restliche Familie bibbernd um das Radio und vernimmt die Schreckensbotschaft vom Einmarsch in Polen. Um 9 Uhr soll die Brautmesse beginnen. Wieder hilft ein Freund Vaters und leiht uns sein Auto, einen großen Horch. Doch der stottert oft und kommt nicht mehr vom Fleck. Wäre er in Ordnung, hätte man ihn ja sicher requiriert. Also warten! Kommt er oder kommt er nicht. Die Glocken sind schon am Ende mit ihrem Geläute, da kommt das Auto endlich angeschnauft. Schnell steigen wir ein, die Eltern und der einzige Trauzeuge, der uns geblieben ist. Gähnende Leere in der Kirche, kein Mensch hat sich eingefunden, nicht einmal die Orgel gibt einen Ton von sich. Der mitfühlende Kirchendiener läßt eine Schallplatte laufen, das Halleluja von Händel. Jetzt haben wir noch unsere Papiere vergessen in der Aufregung und sie müssen geholt werden. Endlich geht die Trauung von statten. Das Hochzeitsauto stöhnt ganz gefährlich auf der Heimfahrt, doch wir erreichen das Haus. In der Straße vor einer Tankstelle steht ein Lastwagen aus der roten Zone mit den ersten Flüchtlingen. Keiner von uns will etwas essen und so trägt unser Hausmädchen den Hochzeitskuchen auf die Straße zu den Leuten. Nun wollen die unbedingt die Braut sehen und ich muß mich im weißen Staat zeigen. Alle weinen vor Rührung und ich ergreife die Flucht und gehe in Deckung. Unser Trauzeuge ächzt immerzu: "oh, oh, oh", - - Genug der Pein, entscheidet Mutter: Zieht euch um, man kann es nicht mehr sehen"! Und so fliegt das Brautkleid samt Schleier, Frack und steifem Kragen in eine Ecke und Vater mahnt: "Am besten schaut ihr, wie ihr von hier fortkommt".

So leb‘ denn wohl du kleine Stadt, du sonnige Pfalz! Werde ich jemals wiederkommen? Wir eilen zum Bahnhof und haben Glück. Ein Zug mit Flüchtlingen aus Saarbrücken hält und nimmt uns mit nach München.

Am 1. Tag unserer Ehe schon auf der Flucht, ob das eine Vorbedeutung hat?