Lyrik von Maria Holschuh

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Frühsommer 1921. Ein riesiger Möbelwagen, gelb mit großen, schwarzen Buchstaben, hält auf der Straße. Die Tore stehen weit offen und er schluckt nach und nach unser ganzes Zuhause. Ich bin noch nicht 4 Jahre und sehe zu. Gerade verschwindet mein Puppenwägelchen und das Kinderstühlchen im dunklen Rachen des Ungetüms. Mein Bruder, er ist schon 6 Jahre, hält mich an der Hand und erklärt, daß wir in eine andere Stadt reisen werden und dort wohnen. So treffen wir eines Tages in Landau ein. Wir beziehen eine schöne Wohnung in einem hellen Sandsteinhaus, I. Stock. Sieht man aus dem Fenster, zeigt sich ein großer Hof mit blühenden Oleanderbäumen, dahinter liegt ein Obstgarten und weiter entfernt verstecken sich die Fenster des Landratsamtes. Nach der Straßenseite sieht man über eine lange Mauer in einen wunderschönen, wilden Garten. Flieder hängt herüber, Rosen blühen, dazwischen leuchtet Mohn und Margeriten halten ihre weißen Sterne in die Sonne und eine riesige Tanne beschützt ein langgestrecktes, altes Gebäude, ein verlassenes Kapuzinerkloster und über die Dächer grüßt der Turm der Stiftskirche. Mutter wird’s malen, ganz bestimmt. Ich weiß, sie liebt ihre Staffelei und den großen Farbkasten.

Alles ist noch fremd, auch die Nachbarskinder, die schon lauern, ob die "Neuen" nicht zum Spielen kommen. Endlich dürfen wir hinaus und es geht gleich los mit "Verstecken". Einen Häuserblock weiter hat ein Wagner seine Werkstatt. Im Hof stehen und liegen überall Räder herum. Räder für Handkarren, Räder für Pferdekutschen und Räder für Acker- und Heuwagen, alle aus Holz gemacht, mit Speichen und einem Eisenreifen rundherum. Dort kann man sich toll verstecken. Aber der Wagner Faltermann jammert und hat ständig Angst, ein Rad könnte umfallen und uns die Füße zerquetschen. Wir rennen dann eine Gasse weiter, wo es einen Schmied gibt. Da brennt ein großes Feuer und der Schmied hämmert kräftig in der Glut herum und biegt ein Hufeisen für seine Kunden, die Pferde. Es kommen feine Reitpferde und plumpe Arbeitspferde, die alle neue "Schuhe" brauchen. Da dürfen wir nicht so nahe herankommen, denn die Funken sprühen in weitem Bogen vom Amboß. Und noch etwas gibt es in unserer Stadt: Auf einem hohen Fabrikschornstein hat ein Storchenpaar sein Nest gebaut. Viele Leute bleiben stehen und schauen hinauf und freuen sich, als eines Tages ein kleiner Storch zu sehen ist. Es dauert nicht lange und alle drei fliegen über die Dächer hinweg, hinaus auf die Wiesen vor der Stadt. Doch eines Tages sind sie fort, das Nest ist leer. "Sie kommen wieder", sagt Vater, "im nächsten Frühling, sie sind nach Afrika gereist, wo es nicht so kalt ist wie in unserem Winter". Bei uns ist es also auch schon Herbst geworden und eines Tages kommt Großmutter zu Besuch. Alle freuen sich und Oma richtet sich im Gästezimmer ein. Eines nachts werde ich wach. Die ganze Wohnung ist hell erleuchtet und Vater trägt mich ins Gästezimmer. Ich wundere mich darüber, aber ich bin so müde, daß ich gleich weiterschlafe. Am nächsten Morgen sagt man mir, wir hätten einen kleinen Bruder bekommen. Da bin ich sehr gespannt und bald darf ich ihn sehen. Ehrlich gesagt, ich bin enttäuscht. Er ist so winzig klein, und außerdem schreit er jämmerlich. Was machen wir nur mit ihm? – Großmutter ist bald wieder ab gereist und alles ist beim alten. Der kleine Bruder wird zum Glück von ganz alleine größer und schließlich lacht er mit mir und will nach mir greifen. Da gefällt er mir schon besser und ich liebe ihn sehr. Die Zeit vergeht, der Nikolaus kommt zu uns mit Stab und Mitra. Wir sind sehr aufgeregt, aber es klappt alles mit dem Singen und Beten. Dann wird’s Weihnachten. Der Lichterbaum strahlt, die Krippe ist aufgebaut, und wir bewundern unsere Geschenke. In der Silvesternacht drücken wir die Nasen platt an den Fensterscheiben um das Feuerwerk zu sehen. Bunte Blumen werden an den Himmel gezaubert und ein goldener Regen fällt auf die Stadt. Es ist großartig. – Nach den Feiertagen muß der große Bruder wieder zur Schule. Doch er kommt bald wieder heim. Er ist krank. "Masern", sagt unser Hausarzt. Mutter schlägt die Hände überm Kopf zusammen und es kommt, wie es kommen muß, alle 3 Kinder liegen auf der Nase mit rot getupften Gesichtern.

Hurrah, die Störche sind zurück, die Bäume blühen, es ist Frühling geworden. Wir Kinder sind wieder auf den Beinen und schon geht’s hinaus ins Freie. Um die Ecke wohnt ein französischer General mit Familie. Er gehört zur Besatzungsmacht, die sich mit einigen Tausend Soldaten hier aufhält. Wir stehen von ferne und schauen, wie die französischen Kinder zur Schule gefahren werden. Da kommt jeden Morgen ein Pferdewagen, er sieht aus, wie eine hölzerne Straßenbahn. Dieser "Pferdebus" sammelt die Schüler und bringt sie nachmittags auch wieder zurück. "Was schaut ihr so blöd", scheinen die Franzosen zu rufen und unsere Jungen nicht faul, fallen über sie her und es gibt eine böse Keilerei, bis die Wachposten die Feinde trennt. Wie die begossenen Pudel trotten wir heim und Vater mahnt, uns zurückzuhalten. Morgen ist’s aber schon wieder vergessen und wir brechen zu neuen Taten auf. Diesmal ärgern wir die Beamten des Landratsamtes. Wir spielen nämlich Eisenbahn und der Eingang zum Amt ist unser Bahnhof. Also können wir auch da nicht bleiben und schleichen uns, trotz Verbot, in den Park. Da gibt es einen tollen Springbrunnen und in seinem Becken kann man herrlich Schiffchen schwimmen lassen und in der Sommerhitze kann man die Schuhe ausziehen und im Wasser planschen. Doch da kommt ein Soldat hinter dem Gebüsch hervor mit rotem Turban, ein Marokkaner oder Tunesier. Wir fürchten uns sehr, raffen schnell unsere Schuhe zusammen und flüchten. Noch andere fremdartige Soldaten gibt es bei uns. Sie heißen Spahi und kommen meist zu Pferde daher, tragen weiße Turbane und weite, weiße Umhänge. Sie sehen schön aus, wie aus dem Märchenland. Doch wenn ganze Regimenter die Straßen verstopfen, dann sind die Übergänge lange gesperrt. Wir balancieren aus Ungeduld auf dem Bordstein der Bürgersteige herum und passen nicht auf. Die Pferde der Spahi tänzeln und scheuen, steigen in die Höhe und schlagen aus. Schon oft sind Passanten getreten worden. Es ist also besser, wir verschwinden ganz schnell. – Mutter seufzt: "Es ist wahrhaftig Zeit, daß für dich die Schule beginnt. Du bist immer mit den Buben unterwegs, ich glaube, du kannst überhaupt nicht still sitzen, in der Schule". Ich wehre mich und behaupte das Gegenteil. Und Mutter drückt mir ein Strickzeug in die Hand um die Probe zu machen. Ich nadle eifrig 1o mal hin und her und habe gewonnen. Ich bin ½ Stunde auf dem Stuhl sitzen geblieben. Jetzt kann nichts mehr schief gehen. Die Eltern kaufen einen Schulranzen mit Schiefertafel und Griffelkasten, ein Lesebuch, ein Rechenbuch und was man sonst noch braucht. Ich bin mächtig stolz und kann es kaum erwarten bis es los geht. An einem Tag, kurz nach Ostern, ist es dann so weit und in unserer Straße wird es still. Bis auf 2, 3 Knirpse müssen nun alle Kinder in die Schule. Es ist aber auch Zeit, zu viele Ärgernisse gab es in den letzten Monaten. – Unser Hauswirt heißt Hahn. Er sieht aber auch wirklich so aus wie er heißt. Er kann keine Kinder leiden und stolziert ständig im Hof herum und schimpft. Er kann es nicht ausstehen, wenn wir mit dem Roller oder gar Fahrrad zwischen seinen Oleanderbäumen herumfahren oder gar einen Ball an die Hauswand werfen. Wenn es aber mal vorkommt, daß wir das Mietgeld und das Quittungsbuch zu ihm in den 4. Stock bringen sollen, dann, ja nur dann macht er ein paar Kratzfüße und scheint zu lächeln.

Im kommenden Sommer jedenfalls beschließen die Eltern ein eigenes Haus zu kaufen. Bald ist auch ein passendes gefunden, genau gegenüber dem Landgericht und dann beginnt wieder eine ganz neue Geschichte.